"Die strittigen Fragen können in München nicht gelöst werden"

Glück und Nagel erwarten vom 2. Ökumenischen Kirchentag Impulse für Miteinander der Kirchen (epd-Interview)

29. April 2010

Der 2. Ökumenischen Kirchentag Mitte Mai in München bietet nach Ansicht seiner beiden Präsidenten Alois Glück und Eckhard Nagel eine Chance für Fortschritte im Miteinander der christlichen Kirchen. "Es darf aber nicht bei einer einmaligen Kraftanstrengung bleiben, sondern das bewusste Miteinander muss weiter gepflegt werden", sagte Alois Glück, der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken und damit katholischer Kirchentagspräsident ist. Gerade für Menschen, die nach Orientierung suchen, biete sei der Kirchentag eine Riesenchance. Der evangelische Kirchentagspräsident Eckhard Nagel verwies darauf, dass mit der orthodoxen Vesper Ökumene weiter gefasst werde als das Zwiegespräch zwischen Katholiken und Protestanten. Mit den Kirchentagspräsidenten sprachen Rainer Clos und Thomas Schiller.

epd: Was ist Ihnen persönlich wichtig am Kirchentag. Welche Veranstaltung wollen Sie auf keinen Fall verpassen neben Ihren vielen Protokollterminen als Präsidenten?

Eckhard Nagel: Wir haben beide eine ganze Reihe von inhaltlichen Veranstaltungen. Am wichtigsten ist mir die orthodoxe Vesper am Freitagabend. Sie ist eingebunden in eine Kirchentagsveranstaltung, die an tausend Tischen in der Münchner Innenstadt endet - als besonderes Bild der Verbundenheit der Christen untereinander. Für mich ist dies eine zentrale Veranstaltung und das ökumenische Zeichen von München.

Alois Glück: Für mich persönlich wichtig sind die ökumenischen Gottesdienste. Das Erleben der Vielfalt christlicher Frömmigkeitsformen ist eine große Bereicherung und eine besondere Gelegenheit beim Ökumenischen Kirchentag. Thematisch wichtig ist mir der Themenkreis Islam, weil dies immer mehr an Bedeutung gewinnt. (...)

epd: Herr Nagel, Sie waren schon 2005 Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentages in Hannover. Was ist denn der Unterschied zu einem Ökumenischen Kirchentag?

Nagel: Es ist viel einfacher, einen evangelischen Kirchentag zu machen.

epd: Weil es weniger Abstimmungsprobleme gibt?

Nagel: Zum Beispiel. Man muss sich nicht auf unterschiedliche Kulturen einstellen. Wenn man unterschiedliche konfessionelle Kulturen hinsichtlich Vorbereitung und Strukturen zusammenbringt, dann bestehen natürlich Unterschiede zwischen Kirchentag und Katholikentag. Das betrifft beispielsweise die Rolle und Berücksichtigung der Verbände und Gruppierungen. Und dies erfordert einen Abstimmungsprozess, der auch beim 2. Ökumenischen Kirchentag nicht ganz einfach verlief. Aber ich glaube, er ist uns ganz gut gelungen. (...)

epd: Das sind die Erfahrungen der Veranstalter. Wo nimmt der Besucher den Unterschied wahr?

Nagel: Wer Katholikentage und Kirchentage besucht, kann den Unterschied sehen. Bildhaft wird er etwa in der Präsenz des Klerus. Dieser Unterschied wird auch in München sichtbar werden. Dennoch ist es uns beim 2. Ökumenischen Kirchentag zum ersten Mal gelungen, Ökumene in einem weiteren Rahmen zu verstehen. Dazu hilft uns München als Stadt, die multireligiös geprägt ist. Es ist eine Stadt, in der Religion in der unterschiedlichen Ausprägung der Konfessionen und des Judentums präsent ist. Diese Präsenz ist wohltuend dahingehend, dass keine Religion marginalisiert ist. Alle sind in der gegenseitigen Wahrnehmung schon geübt. Für die Besucher ist dies von Vorteil, weil keine künstlich inszenierten Gemeinschaftsaktionen erforderlich sind. Sie kommen in ein Umfeld, wo man unterschiedliche Religiosität erleben kann. Verglichen mit dem Evangelischen Kirchentag in Hannover 2005, den ich als Präsident erlebt habe, ist diese Präsenz etwas, was den ökumenischen Anspruch sehr unterstützt.

Glück: Im Vergleich zum 1. Ökumenischen Kirchentag hat man sich nach meiner Wahrnehmung wechselseitig besser aufeinander eingestellt. Unterschiede werden respektiert. Von daher kann in einer unverkrampften Weise zusammengearbeitet werden. Natürlich gibt es verschiedene Kulturen in der Arbeitsweise, und es wird auch kontrovers debattiert. Auch das Klima der Stadt München trägt dazu bei, dass es ein unverkrampftes Miteinander der Religionen gibt. Als besonderer Akzent kommt hinzu, dass die orthodoxe Kirche in München stärker vertreten ist als sonstwo in Deutschland.

epd. Was hat sich seit dem Ökumenischen Kirchentag 2003 im Miteinander der Kirchen getan?

Nagel: Die Charta Oecumenica, die wir in Berlin gemeinsam unterschrieben haben, ist sicher eine Unterstützung für die Kirchengemeinden gewesen. Ich denke auch, dass in den vergangenen sieben Jahren eine größere Selbstverständlichkeit gewachsen ist, gemeinsam etwas zu unternehmen. Das schließt ein, dass man sich liturgisch einander annähert und Möglichkeiten ausschöpft. Der 2. Ökumenische Kirchentag wird mit der Tischgemeinschaft die gewachsene Dialog- und Handlungsbereitschaft in der Gesellschaft aufgreifen und will ein Impuls für notwendige zukünftige Entwicklungen sein. Denn wir haben seit 2003 auch Rückschritte zu verzeichnen in der Kommunikation zwischen evangelischer und katholischer Kirche. Dazu zähle ich die katholische Interpretation von Kirchengemeinschaft, die sehr irritierend ist. Mehrfach zeigte sich auch, dass es bei der theologischen Diskussion um das Amtsverständnis nicht zu Fortschritten kam.

Glück: Seit Berlin lässt sich weniger ein Bemühen um Abgrenzung, sondern mehr ein Bemühen um Gemeinsamkeit registrieren. Da ist schon viel gewachsen. Es darf aber nicht bei einer einmaligen Kraftanstrengung bleiben, sondern das bewusste Miteinander muss weiter gepflegt werden. Denn Christen leben unter den Bedingungen einer modernen Gesellschaft, in der das Christliche nicht mehr selbstverständlich ist. Vom Ökumenischen Kirchentag in München wird auch ein Impuls für den theologischen Dialog ausgehen. Die strittigen Fragen können in München nicht gelöst werden. Dafür bedarf es eines ehrlichen Disputs. Die Differenzen werden nicht ausgespart.

epd: Das heißt, man muss auch streiten...

Glück: Man muss den ehrlichen Disput miteinander führen. Denn mit einem Dialog im Sinne 'Wir sind jetzt mal nett zueinander' ist nichts geklärt. Beim Ökumenischen Kirchentag und darüber hinaus können wir beispielgebend dafür sein, wie mit Meinungsverschiedenheiten umgegangen werden kann.

epd: In der Planung sind Sie ziemlich überrollt worden von der Missbrauchsdebatte. Wäre es für das Zentralkomitee der deutschen Katholiken jetzt einfacher, einen Katholikentag zu veranstalten? Oder bietet der Ökumenische Kirchentag vielleicht auch eine Chance?

Glück: Gleichgültig ob Ökumenischer Kirchentag oder Katholikentag - das Thema Missbrauch prägt derzeit natürlich die öffentliche Wahrnehmung und überschattet vielleicht ein Stück weit das Treffen in München. Trotzdem stellen wir fest: Das Interesse der Menschen am Ökumenischen Kirchentag ist groß, auch wenn sich die mediale Aufmerksamkeit stark auf das Thema Missbrauch fokussiert. Beim Ökumenischen Kirchentag wollen wir das Thema offensiv angehen. Deshalb haben wir bewusst zwei Veranstaltungen dazu vorgesehen. Einmal geht es um das gesellschaftliche Problem Missbrauch, in einer weiteren Veranstaltung geht es um den spezifisch katholischen Aspekt dabei.

epd: Sie sagen, es gibt zwei zusätzliche Veranstaltungen zum Missbrauchsthema. Bei knapp 3.000 Veranstaltungen insgesamt ist das nicht sonderlich viel. Wird die mediale Wahrnehmung vielleicht wegdriften vom Kirchentagsalltag?

Glück: Ich glaube nicht, dass die Missbrauchsthematik im Verlauf des Kirchentages alles überdeckt. Natürlich wird das Thema sehr beachtet. Bei den beiden Veranstaltungen wird genau wahrgenommen werden, wie offen man damit umgeht. Aber es gibt daneben so viele spannende Themen und so viel Klärungsbedarf. Es gibt eine so ausgeprägte Suche der Menschen nach Orientierung - sowohl spirituell als auch in gesellschaftlichen und politischen Fragen. Für diese Menschen ist der Kirchentag eine Riesenchance. Denn man wird lange Zeit in der Dichte und Vielfalt kein vergleichbares Angebot finden. Von daher sehe ich nicht, dass der Ökumenische Kirchentag durch die Missbrauchsthematik beeinträchtigt wird. Aber er erhält damit ein zusätzliches Thema, das glaubwürdig wahrgenommen werden muss.

epd: Sind die Bischöfe zur Zeit nervöser als vor einem Katholikentag?

Glück: Keinesfalls wegen des ÖKT. Das Thema Missbrauch ist generell ein sehr belastendes Thema, für die Bischöfe und für die gesamte katholische Kirche. Es beschwert sehr viele, es irritiert sehr viele. Es ist die schwerste Belastung für die katholische Kirche seit Jahrhunderten, vielleicht seit Menschengedenken. Das bleibt nicht spurlos. Die zusätzliche Anspannung, die es deshalb gibt, wäre bei einem Katholikentag nicht anders als beim Ökumenischen Kirchentag.

epd: In den vergangen Tagen und Wochen gab es Hinweise, dass die Zahl der Austritte aus der katholischen Kirche in die Höhe gegangen ist. Wirkt sich das auf München aus?

Nagel: Im Moment gibt es dafür keine Anhaltspunkte. Die Anmeldungen verlaufen, wie wir sie erwartet haben. Der Ökumenische Kirchentag wird ein Großereignis. Wir haben rund vier Wochen vor der Veranstaltung mehr als 100.000 Dauerteilnehmer. An der Stelle gibt es keine Hinweise, dass wir betroffen wären.

Glück: Die Erschütterungen durch den Missbrauch ist die eine Seite. Die andere Seite ist der öffentliche Stellenwert von Religion. Mich beschäftigt seit langem die Frage, warum es uns in der christlichen Verkündigung so wenig gelingt, die suchenden Menschen zu erreichen. Es gibt die alte Erfahrung, dass Not beten lehrt. Der Umkehrschluss besagt, dass es schlechtere Zeiten für die Kirchen sind, wenn es weniger materielle Not gibt. Aber zugleich gibt es eine wachsende Zahl von Menschen mit seelischen Nöten. Warum gelingt es uns so wenig, die Botschaft eines helfenden und heilenden Gottes zu vermitteln, der sich den Menschen unabhängig von Verdienst, Leistung und Fehlern zuwendet? Der ÖKT ist eine besondere Chance für alle, für die Suchenden wie für die Kirchen, darüber miteinander ins Gespräch zu kommen. (...)

epd: In der evangelisch-katholischen Ökumene herrscht trotz gelegentlicher Irritationen so etwas wie business as usual . Kann der 2. Ökumenische Kirchentag im Miteinander der christlichen Kirchen, das zuletzt mehr von Stillstand als von Fortschritten geprägt scheint, für neuen Rückenwind sorgen?

Nagel: Unbedingt. Das haben sogar die Bischofskonferenz und die EKD erkannt. In der gemeinsamen Karlsruher Erklärung stellen sie fest, dass der Ökumenische Kirchentag eine Möglichkeit ist, um zu Fortschritten zu kommen. Ich glaube auf jeden Fall, dass der ÖKT diese Fortschritte signalisieren kann. Damit kann zum Teil auch relativiert werden, was es an Kommunikationsschwierigkeiten oder Missverständnissen gegeben hat. Es wäre ein völlig verengtes Bild von Ökumene, wenn man es darauf konzentrieren würde, was in Papieren und Konferenzen ausgetauscht wird. Dass es bei ganz spezifischen Fragen keine Fortschritte gibt, dafür gibt es ja auch Gründe. Vielleicht gibt es Punkte, die sich nicht lösen lassen, wie wir das erwarten. Das unterschiedliche Amtsverständnis ist auch eine Frage der Kultur, der Sichtweise, der Identität. Das lässt sich nicht einfach lösen durch ein gemeinsames Dokument oder eine spirituelle Handlung. Das wäre auch gar nicht sinnvoll.

epd: Ein Dauerthema ist die Abendmahlsfrage. Nun ist für Freitagabend eine Vesper nach orthodoxem Ritus vorgesehen. Ist damit nicht das Missverständnis vorprogrammiert, dies als gemeinsames Abendmahl zu verstehen?

Nagel: Nein. Wir haben immer wieder deutlich gemacht, dass wir akzeptieren, dass es keinen Raum für ein gemeinsames Abendmahl zu diesem Zeitpunkt gibt. Es ist Ausdruck des Respekts vor den unterschiedlichen Traditionen, dass wir nicht wie beim evangelischen Kirchentag alle Gläubigen zum Abendmahl einladen. Die jesuanische Tischgemeinschaft ist zwar ein historischer Vorläufer von Abendmahl beziehungsweise Eucharistie. Aber die theologischen Unterschiede sind klar und ein deutig. Die Tischgemeinschaft spielt eine zentrale Rolle im christlichen Glaubensleben, weil sie betont: Die Nähe zu Christus hängt nicht davon ab, ob ich evangelisch oder katholisch getauft bin, ob ich dieses oder jenes Amt anerkenne. Die Nähe zu Christus hängt ab von der Einladung Christi zur Tischgemeinschaft. Dies stellen wir in München mit der orthodoxen Vesper in einen liturgischen Kontext. Das hilft uns, an anderer Stelle Trennung zu akzeptieren. Auch in der Tischgemeinschaft kann spirituelle Tiefe realisiert werden, aber Missverständnisse gibt es nicht.

Damit gelingt es uns, den Ökumene-Begriff wesentlich weiter zu fassen. Am Tisch findet nicht nur ein Zwiegespräch zwischen Katholiken und Protestanten statt. Das ist ein wesentliches Signal, das von München ausgehen wird für die ökumenische Entwicklung in Deutschland. Für den Rat der EKD und die Bischofskonferenz könnte dies ein Ansporn sein, sich im Kontext der der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen intensiver zu engagieren.



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