Laudatio auf Sönke Wortmann zur Verleihung des Leibnitz-Ringes für seinen Kinofilm „Deutschland. Ein Sommermärchen“ in Hannover
Margot Käßmann
05. Dezember 2006
Sehr geehrte Damen und Herren,
heute Abend treffen eher ungewohnte Konstellationen aufeinander. Eine Frau und ein Film, in dem ausschließlich Männer vorkommen. Der Leibnizring, der an einen Universalgelehrten erinnert und ein Filmregisseur. Kirche und Kino.
Vielleicht spiegelt die Konstellation aber auch, was der Film „Ein Sommermärchen“ beschreibt: Ein Zusammengehörigkeitsgefühl sehr verschiedener Menschen und Lebensbereiche, das plötzlich in Deutschland wächst. Da werden Deutsche aus Ost und West gemeinsam stolz auf ihr Land. Da löst eine Truppe junger Männer tiefe Emotionen aus, die völlig friedlich gelebt werden. Da wachsen Einzelne über sich selbst hinaus und zeigen menschliche Größe. Ja, wir haben über uns selbst gestaunt nach dem Motto: Wir sind ja ganz anders, als wir immer dachten...
Lassen Sie mich die Laudatio auf vier Punkte konzentrieren:
1. Sönke Wortmann
Fußball zieht sich durch sein ganzes Leben, war kurz Fußball-Profi, studiert dann nach einem Semester Soziologie an der HFF in München Regie (1983-1989). Sein Debutfilm ist „Allein unter Frauen“, ein Erfolg und quasi der Beginn der neuen deutschen Komödie. 1994 dann „Der bewegte Mann“ mit noch größerem Erfolg, der Durchbruch auch für Til Schweiger, Joachim Krol und Katja Riemann. Es ist nicht nur die Hoch-Zeit neuer deutscher Komödien sondern eines bestimmten Typus von Literatur. Wir durften anfangen, über uns selbst zu lachen. So dreht Wortmann nach der Buchvorlage „Das Superweib“ und „Der Campus“ – ziemlich erfolgreich. Es gibt aber auch anspruchsvolle Filme, wie den – wie ich finde gut gelungenen Episodenfilm St. Pauli-Nacht – die nicht solche Publikumshits werden.
Nach Dreh-Erfahrungen in USA bereitet er sorgsam seinen bisher größten Erfolg, das „Wunder von Bern“ – ein Fußballfilm; ein wichtiger Film über deutsche Geschichte, ein Film, der m.E. auch einer der ersten ‚gesamtdeutschen’ Filme ist, zugleich eine Aufarbeitung der Situation Mitte der 50er Jahre im Nachkriegseuropa, der sogenannten mühsamen „Rückkehr ins Leben“ der Kriegsheimkehrer, der Ruhrgebietsgesellschaft mitten im aufkommenden Wirtschaftswunder. Der Filmtitel ist ja durchaus religiöse Anspielung, da wird ein Spiel rückwirkend verklärt. Und von diesem „Wunder“ stammt auch die berühmte Rede vom „Fußballgott“, mit der ich mich während der WM immer wieder auseinandersetzen musste.
Im Umfeld der WM 2006 dreht Wortmann, sozusagen als Vorbereitung für das „Sommermärchen“ für SAT 1 die menschlich-witzige Serie „Freunde für immer – Das Leben ist rund“. Wortmann zeigt sich als hervorragender Beobachter der Menschen und, was mir an den Filmen besonders gefällt, er kann die Zuschauerinnen und Zuschauer über Menschen lachen lassen, ohne sie auszulachen. Da habe ich so manche Szene vor Augen, denken wir an die Autofahrt von Veronica Ferres als Superweib mit einer Ente durch die Weinberge mit ihrer schwäbelnden Gastgeberin.... Ein großartiger Regisseur, er den Leibnizring zu Recht erhält, denn er ist Kulturschaffender im wahrsten Sinne, Leibniz hätte gewiss zugestimmt.
2. Der Film
Ich muss gestehen, ich war etwas skeptisch bevor ich den Film gesehen habe: Hatten wir nicht schon alles gesehen, während der WM? Sollte das Wir-Gefühl, das »“Es ist Sommer. Wir sind Weltmeister (der Herzen) und alles ist gut und wir Menschen in Deutschland können auch feiern und fröhlich sein, gute Gastgeber mit positivem Denken …« noch einmal aufgewärmt werden. Eine Erinnerung, eine schöne Erinnerung, aber doch eine vergangene Erinnerung als Farbtupfer für dunkle(re) Tage und Zeiten.
Und dann die erste Szene: Ich hatte so zum Hereinkommen in den Film, in die Stimmung ein jubelndes Stadium erwartet, Fahnenschwenken, schwarz-rot-gold geschmückte Menschen. Eben ein Wiederaufwärmen eines unglaublichen starken und positiven Gemeinschaftsgefühls. Nein, gar nicht, ganz im Gegenteil. Einblende: Dienstag, 4.Juli 23.50 Uhr und du siehst in die erstarrten Gesichter der Nationalspieler in der Kabine nach dem verlorenen Spiel gegen Italien. Da sitzen sie, Jens Lehmann, Christoph Metzelder und die anderen, Fassungslosigkeit und Leere, Enttäuschung und Zorn sind zu spüren. Die Zuschauenden hören nichts, aber sie nehmen sehr wohl wahr. Das Scheitern, das Zerplatzen des Traumes, Weltmeister zu werden. Ein ungläubiges Staunen fast über dieses Scheitern. Eine Sprachlosigkeit, ja eine Einsamkeit ist um sie, eine zutiefst menschlich Erschütterung. So beginnt dieser Film und so wird gleich zweierlei deutlich:
Zum einen, hier filmt einer, der nahe heran geht. Der nahe herangehen darf und kann. Und der dabei aber nicht zu nahe herangeht, die Menschen bewahren auch in diesem Moment der Enttäuschung, des Scheiterns ihre Würde. In manchen Augen Tränen zu sehen und dennoch wird nicht so lange draufgehalten, um bloßzustellen, oder um des Effektes willen zu dramatisieren, zu melodramatisieren wie wir das leider inzwischen im Fernsehen bei mancher Dokusoap oder manchem Sternchenwettbewerb kennen.
Das verdient Hochachtung für den Regisseur, der ja Kameramann und Drehbuchautor zugleich ist: die nötige Nähe und den notwendigen Respekt. Insofern ist “Deutschland, Ein Sommermärchen” vor allem ein Film, der nicht eine Geschichte so erfindet, dass sie so wahr sein könnte, dass wir mit ihr mitgehen und folgen, sondern der Geschichte dokumentiert. Nicht objektiv, das geht auch gar nicht, der seine Sicht auf diese Geschichte dokumentiert, und zwar so, dass wir gerne mitgehen und folgen, da wir das Gefühl haben, hier öffnet jemand Räume, für eine eigene Deutung und weitet dabei den Horizont, bringt unterschiedliche Perspektiven zusammen.
Als Dokumentarfilm ist dieser Film ein wohl unwiederholbarer Glücks- und Sonderfall. Jenseits von Fußball und nationalem Enthusiasmus bezeugt er das unstillbare Interesse, ein Ereignis, an dem man irgendwie beteiligt war, in Bildern erzählt zu bekommen. Zum anderen lebt der Film von dem Bedürfnis nach Nähe, nach der Aufhebung von Distanz – eine Nähe, die offenbar nicht von den Konventionen und Klischees der gewohnten, im Sommer erlebten Fernsehberichterstattung erzielt, sondern eher verhindert wird. Dafür brauchten wir einen Regisseur, Sönke Wortmann.
Ein Film, der mit einem Scheitern beginnt. Das ist ungewöhnlich, das ist mutig. Denn wer will denn Helden, Heldinnen scheitern sehen, und das noch in der Traufabrik Kino? (Neben-Beobachtung: Manche Märchen beginnen ja mit einem Scheitern, z.B. mit einem ungelösten Rätsel, aber das ist ja dann wirklich nur der Anfang und dann begeben sich die HeldInnen auf eine Reise, auf der sich dann alles zum Guten verändert und löst. Aber hier steht das Scheitern am Anfang und wir wissen zugleich, es ist nicht wirklich ein Anfang, sondern das Ende, das Ende von 7 Wochen anwachsendem Fußball-Rausch).
Das hat mich als auch als Theologin beeindruckt, als eine, die das fragmentarische, vorläufige im Leben wahrnimmt und annimmt, und die zugleich wahrnimmt, wie sehr in dieser Welt mit ihrem Leistungsdruck und Erfolgszwang das Scheitern, das zum Menschsein unumgänglich dazugehört, ausgeblendet wird.
3. Die tieferen Themen
Ich habe schon angedeutet, dass ich als Theologin wichtig fand, wie auch das Scheitern aufgenommen wurde. Beim Spiel gegen Italien war in Südindien. Nachts um halb eins versammelten sich alle Deutschen im Hotel in der Lobby, die Inder hatten extra eine Großbildleinwand aufgebaut. Und obwohl nun nicht so arg viele Fußballfans dabei waren, haben alle bis zum letzten Elfmeter ausgeharrt, da war es bald drei Uhr morgens. Und alle waren enttäuscht, ja traurig. Der Film dokumentiert, wie aus dieser Trauer ein unbeschreibliches Wir-Gefühl gewachsen ist, das den dritten Platz als Weltmeister der Herzen hat werden lassen. Ich will das nicht religiös überhöhen, aber dass Scheitern zum Leben gehört, dass wir oft gerade in unseren schwärzesten Stunden wachsen im Leben, das ist eine tiefe biblische Weisheit.
Deutlich wird noch ein anderes: es gibt Machbarkeit und es gibt Unverfügbarkeit. Das ist ja eine Linie, die sich als durchziehender roter Faden im Film erkennen lässt und am Leitungsstil des Teams um Jürgen Klinsmann, Joachim Löw und Oliver Bierhoff festzumachen ist: Ein Sommermärchen kann man nicht machen, aber man kann auch nicht nur einfach darauf warten, dass es geschieht oder geschehen sollte, sondern dazu ist Vorbereitung und Einsatz nötig, ein Zusammenwirken unterschiedlichster Kräfte individuell und gemeinschaftlich. Das zeigt sich von dem heiteren Training auf Sardinien, zur fast liebevollen Umgestaltung der Aufenthaltsräume des edel gestylten Hotels in Berlin in loungige Kommunikationszelte bis hin zu den sich von Sieg zu Sieg an Strenge und Härte steigernden Motivationsreden des Bundestrainers vor den Spielen und in der Kabinen-Pause.
Eindrücklich war mir an dieser Stelle die hellsichtige Einschätzung und auch Warnung von Klinsmann, wie die Medien in den nächsten Wochen mit den Spielern und auch ihm umgehen werden, mit all dem was geschrieben, interpretiert und erfunden wird, die Bitte sich davon nicht irritieren zu lassen - das ist ja auch ein Thema, mit dem sich der Regisseur Sönke Wortmann selbst auseinandersetzen musste. Inwieweit spielt er in diesem Medienspiel mit, inwieweit geht es nicht ohne, inwieweit verselbständigt sich ein sog. Medieninteresse und wieweit kann er hier eigene Wege gehen. Dass er das kann hat er meines Erachtens eindrucksvoll mit diesem Film gezeigt.
Gleichzeitig wird dabei aber im Nachhinein auch deutlich, etwa in dem Interview mit Jürgen Klinsmann in den USA, dass sich unser Land insgesamt nicht als Fußballmannschaft motivieren lässt. „Du schaffst es!“ oder „Wir sind besser“ ist sicher für ein Fußballspiel geeignet, aber das wird allein nicht reichen, um ein ganzes Land zu motivieren, zumal da natürlich die Abgrenzung gegenüber der gegnerischen Mannschaft von zentraler Bedeutung ist. Da finde ich den Film etwas überfrachtend, falls herausgelesen wird: Methode Klinsmann wird deutsche Befindlichkeiten lösen. Zusammengehörigkeitsgefühl ist ein hervorragender Ansatzpunkt, aber nicht gepaart mit Abgrenzung, sondern gepaart mit Weltoffenheit. Dass unserer Delegation in Indien die Inder wie die Briten die Dänen, Amerikaner und Schweden auf die Schulter klopften und in Deutschland das Nationalteam aus Trinidad und Tobago in Rotenburg/Wümme, die Polnische Nationalelf in Barsinghausen herzlich begrüßt und gefeiert wurden. Dass Menschen aus dem Ausland Deutschland als gastfreundlich wahrgenommen haben, dass deutsche Fahnen nicht bedrohlich und nationalistisch wirkten, sondern patriotisch und weltoffen zugleich, dass war für mich das Wunder vom Sommer 2006 oder eben ein Märchen: Es begab sich aber zu der Zeit, als Spiele stattfinden sollten in Deutschland...
Gemeinschaft ist für mich das entscheidende Thema. Das Zusammengehörigkeitsgefühl wuchs in der Mannschaft. Es entstand Zug um Zug im Land, auch Public Viewing wurde zum ganz neuen Erlebnis. Und Gemeinschaft wurde gelebt für Gäste im Land. Das alles ist wunderbar. Nicht aus Staatsraison wurde geflaggt, sondern Menschen wollten ihre Mannschaft unterstützen, sich mitfreuen. Diese WM war ein gesellschaftliches Phänomen. Dass dieses Wir-Gefühl Bestand hatte, auch nachdem klar wurde: Wir werden nicht Weltmeister sein nach 54-74-90 folgt nicht 2006, das ist, das will ich noch einmal unterstreichen, die größte Überraschung. Vielleicht war es gerade ein Segen für unser Land, dass es ein so umjubelter dritter Platz wurde. Nicht nur Siegertypen sind Sympathieträger, sondern gerade Menschen mit all ihren Facetten, ihrer Menschlichkeit. Das ist übrigens ein zutiefst christliches Grundverständnis.
Und schließlich das Menschenbild: Sehr gelungen scheint mir, und das macht es so angenehm dem Film zu folgen, die Verbindung und der Wechsel von einer kurzen Charakterisierung einzelner Menschen, vor allem der Spieler und dagegen dann das Zeigen dessen, was diese Menschen auslösen, in den Stadien, am Straßenrand, auf den Plätzen während der WM. Zu zeigen, dass beides zusammengehört, und gerade ei den Charakterisierungen der Spieler, die ja neben dem Trainer Klinsmann in den Massenmedien mehr oder weniger aber in diesem Fall eher mehr unablässig im Fokus medialer Aufmerksamkeit, Poldi (L. Podolski) hier und Schweini (S. Schweinsteiger) dort, dass der Regisseur Sönke Wortmann ganz unterschiedliche Momentaufnahmen einfangen konnte und verwendet hat, von scheinbaren Banalitäten wie das nicht ganz von sprachlichen Verständigungshindernissen freie Gespräch beim Haareschneiden von Miroslav Klose vor dem Costa Rica Spiel, der Frage des leicht überrumpelten Jens Lehmanns an die Bundeskanzlerin nach steuerlichen Anreizen für eine fünfköpfige Familie vom Ausland wieder nach Deutschland zurückzukehren bis zu den Interviews mit den Torwarten Nr. 1 und Nr.2, zu einem enttäuschten Kapitän, der bei dem Eröffnungsspiel auf der Bank sitzt oder einem für das Halbfinale gesperrten Torsten Frings.
Sönke Wortmann hatte bei seinem Film nicht den Anspruch Geheimnisse zu enthüllen, die die ganze WM-Zeit in einem neuen, anderen Licht erscheinen lassen. Das wäre trotz seiner Sonderstellung, die er durch den Zugang zur Kabine, durch seine lange und ich denke wohl sehr vertrauensvolle und sensible Art der Begleitung der Bundesnationalmannschaft inne hatte, kaum möglich gewesen. Täglich, stündlich, bald minütlich ist ja über die Wochen der Weltmeisterschaft und auch in den Wochen, Monaten zuvor berichtet worden, so dass manche - ich teilweise auch - schon vor der WM eigentlich genug von der WM-Berichterstattung hatten. Alles sollte an das Licht der Öffentlichkeit geholt werden. Sein Werk ist so auch kein in erster Linie investigativer Film, auch wenn er durchaus manches für mich neue und enthüllendes parat hielt (das ernste Sockenfarben nennen von Männern in Schlips und Anzug).
Für mich hat sich Sönke Wortmann in seinem Film “Deutschland. Ein Sommermärchen als ein (selbst-)bewusster Begleiter erwiesen, der dabei ist, nahe dran ist, ohne sich aufzudrängen, der dran bleibt, ohne zu be- und zu verurteilen. Er ist nicht Voyeur, nicht Offenbarer, sondern ein bewusster Begleiter.
Und auch wenn es kein Film über ganz Deutschland sein will und sein kann, ist das für mich in der Gestalt des Filmemachers ein Plädoyer, ja ein Bekenntnis für ein Menschenbild, das einander in all seiner Unterschiedlichkeit mit Respekt begegnet. Respekt. Der Begriff kommt ja in den Film, vor allem auch in den Reden Jürgen Klinsmanns nicht zu selten vor. Respekt, dies steht für mich für eine stimmige Perspektive auf und im gesamten Film.
Eigentlich sollte es ja nur einen Film geben, wenn der Nationalmannschaft wirklich das Unglaubliche gelungen wäre, sie den Weltmeistertitel geholt hätte. Aber dann war das, Was gelungen ist, viel mehr als sehr viele sich erträumt hatten: Platz 3, und war es vor allem das Wie - eine wirklich nur als erstaunlich und wunderbar zu beschreibende kollektive Stimmung, die diese Mannschaft und die Weltmeisterschaft in die Öffentlichkeit Deutschlands getragen hat.
So war es am Ende dieses Film aus folgerichtig eine Freudenfeier zu zeigen, ein ausgelassenes Fest an einem symbolträchtigen Ort, dem Brandenburger Tor, früher ein Zeichen für das geteilte, nun für das wiedervereinigte Deutschland. Der Film endet mit einem Dankeslied, und sie werden mir erlauben, dass ich darauf etwas mehr eingehe. Ein Song von Xavier Naidoo. Wenn sich der Kreis schließt eines Films, der am mit einer tiefen Enttäuschung begonnen hat, dann kann das als Dank verstanden werden, an ein Eingebunden-Sein, an ein Aufgehoben-Sein in einer Gemeinschaft.
Der Song „Dieser Weg“ (aus dem Album „Telegramm für X“ 2005) nimmt das Motiv des Weges als Symbol der Lebensreise auf. Nur wer den Schritt wagt, Türen zu durchschreiten und damit auch das Risiko eines unbequemen Lebensweges auf sich nimmt, wird die ganze Fülle des Lebens erlangen. Anfeindungen gehören dazu, doch auch Zustimmung, Opferbereitschaft, ja Segen wird dem zuteil, der sich auf den Weg macht.
Wenn „Der Weg“ bei der letzten Szene zum wiederholten Male erklingt, wird deutlich, dass dieser Weg nicht einfach an sein Ziel kommen kann, sondern über sich hinaus weist. Das kann immanent die nächste Fußballweltmeisterschaft 2010 sein, aber auch darüber hinaus, auch da wir der Weg weiterreichen, ein Weg hin zu dem, was religiöse Menschen Transzendenz nennen, ein Weg, den wir nicht nur gehen, sondern der uns auch entgegenkommt. Damit wären wir beim letzten Punkt, den drei Ks. Nein, nicht Kinder, Küche Kirche, sondern:
4. Kicken, Kino und Kirche
Wenn Sie eine Bischöfin zu einer solchen Rede einladen, kann ich Ihnen dieses Thema nicht ersparen, das haben Sie sich selbst eingebrockt.
Im Vorfeld der WM habe ich ein Interview zum Thema „Fußballgott“ gegeben, dass im Bahnmagazin „mobil“ abgedruckt wurde. Das hat mir die Einsicht gebracht, dass dieses Heft, das einen Monat lang in deutschen Zügen ausliegt, eines der meistgelesenen Blätter der Republik sein muss! In den Reaktionen wurde deutlich, wie viele Menschen sich Gedanken um Religion machen, wie viel Sehnsucht es nach religiöser Beheimatung auch bei sehr Kirchenfernen gibt.
Fußball und Religion nun stehen in einem spannungsreichen Wechselverhältnis zueinander, Manche erklären, hier sei ein eigener Kultus entstanden und gleichzeitig gibt es inzwischen christliche Kapellen auf Schalke und im Berliner WM-Stadion (leider noch immer nicht in der AWD-Arena). Die Kirche selbst hat die WM genutzt, um eine Fair-trade-/Fair-play-Kampagne für Fußbälle im fairen Handel durchzuführen. Aber klar gesagt werden muss: einen Fußballgott gibt es nicht. Für uns gibt es Gott, den Schöpfer der Welt. Und wir verstehen unseren Gott, wenn wir auf das Leben, leiden und Auferstehen von Jesus Christus schauen. An ihm wird für uns deutlich, dass Leiden zum Leben gehört, dass wir uns gerade in schweren Stunden Gott anvertrauen dürfen. Und dass dann, wenn wir unser Leben beenden müssen, kein Fußballverein helfen kann, wohl aber der Halt, den Gott uns gibt über den Tod hinaus.
Und was das Kino betrifft. Ich selbst gehe leidenschaftlich gern ins Kino. Aber am Thema „Unterhaltung“ scheiden sich die Geister in der Kirche. Über einen langen Zeitraum fungiert „Unterhaltung“ als negatives Kriterium: Seichtigkeit, Verfälschung von Wirklichkeit durch rosa Zuckerguss bis zum Vorwurf gefährlicher immanenter Selbsterlösungstendenzen. Zugleich sollten wir sehen, dass Unterhaltung Realität ist und sich im Film sehr oft die religiösen Sehnsüchte der Menschen widerspiegeln. Ich meine, unsere Kirche muss sich damit befassen. Denn: Filme sind zeitgeschichtliche Seismographen gesellschaftlicher, kultureller und religiöser Befindlichkeiten, deshalb ist es auch für Kirche und Theologie nötig und hilfreich, sich damit zu beschäftigen.
Der Theologe Harald Schröter-Wittke vollzieht eine umfassende und spannende theologische Standortbestimmung von „Unterhaltung“ . Seine These geht positiv von dem unter-haltenden Aspekt der Unterhaltung aus und dass das Gelingen guter Unterhaltung sich an der zugrunde liegenden Identitätskonzeption erweist. So ist auf kirchlicher Seite eine konstruktive Offenheit für dieses Thema wahrzunehmen, eine kritische Aufmerksamkeit gleichermaßen.
Ich hoffe, dass dieser Film, der mit so reduzierten Mitteln, was Personaleinsatz und Technik angeht, arbeitet so viele Menschen erreicht und Geld einspielt, da merkt man wieder einmal es kommt auf das Thema, auf den richtigen ’Kairos’ an, anders als so mancher hochgezüchtete zig-Millionen-Euro-Film, der blutleer sich auf Konventionalität und Special Effects und multimediale Überwältigung setzt.
Zuletzt
Ein kurzes Wort noch als Zuschauerin weiblichen Geschlechts: So gern ich diesen Film gesehen habe, spätestens nach dem Finale am Brandenburger Tor mit dem Trainerteam, dem Spielerteam und dem Sänger Xavier Naidoo dachte ich: das ist wirklich ein reiner Männerfilm, Männer in der Kabine, Männer um die Kabine herum.... Und so sei zuletzt der Wunsch formuliert. Bitte auch einmal einen Film über die deutschen Fußballfrauen – Weltmeister sind sie sogar schon geworden.
In diesem Sinne Herr Wortmann: Es gibt noch viel zu tun. Bitte drehen Sie weiterhin so wunderbare Filme. Danke für dieses Erinnerungsstück an einen wunderbaren Sommer in Deutschland. Herzlichen Glückwunsch!
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
