Predigt in der "Beatmesse" beim 28. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Stuttgart

EKD-Ratsvorsitzender, Präses Manfred Kock

17. Juni 1999

Es gilt das gesprochene Wort!

"Ihr seid das Salz der Erde."
Der Friede Jesu Christi sei mit euch!

"Ihr seid das Salz der Erde", hatte Jesus den Seinen gesagt. -
"Die Predigt soll 13 bis 15 Minuten dauern - und soll mit Pfeffer gewürzt sein", hatte Uwe Seidel mir geschrieben. Uwe hat Erfahrung mit der Kirchentagsküche. Salz langt nicht, muß noch Pfeffer dran. Pfeffer und Salz. Vielleicht auch Curry, denke ich - indisch meditativ? - Und Majoran und Rosmarin, weil wir lauter arme Würstchen sind? - Und noch Senf -, sollen wir noch unseren Senf dazu geben, zu dem, was auf den Speisekarten des Lebens angepriesen wird?

Also: ich bleibe beim Salz - das Bild ist schön und reich, und es spricht anschaulich von dem, was dran ist heute.

1. Ihr seid das Salz der Erde
Ihr, die Christinnen und Christen, die jungen und alten, die einfachen und die klugen - . ihr seid Salz der Erde. Ihr seid wichtig, ihr seid es, die dieser Welt die Würze geben.

Welch ein Anspruch! Wieso wir, die Christen und Christinnen in der Tradition unserer Kirche, mit ihrer schwierigen Geschichte von Verfolgung und Inquisition, von staatskirchlicher Anpassung seit Konstantins Zeiten? Salz der Erde - das klingt so elitär und überheblich!

Und wieso ich, winziges Staubkorn im All? Was können einzelne schon bewirken? Ich bin doch nicht Atlas, der das ganze Weltgebäude auf den Schultern trägt.

Ihr alle, jeder einzelne weiß, wie wir verwickelt sind in die Kosovo- und Tschernobyl-Welt, wo Macht vor Recht geht; wo die Menschheit die Folgen ihres Tuns und Lassens nicht mehr im Griff zu haben scheint.
"Ihr seid das Salz der Erde?"
Von Anfang an klingt die Botschaft übertrieben. Besonders, wenn man die vor Augen hat, die Jesu erste Hörer waren: Die Fischer vom See Genezareth, die Frauen mit zweifelhaftem Ruf. Sie waren ohne Macht. Sie hatten kaum die Möglichkeit die engste Umgebung zu gestalten, geschweige denn ihr Land oder gar den ganzen Erdkreis.

Und doch erweist das Wort seine Kraft. Denn all ihr einzelnen seid ausgestreut; seid nicht zusammengedrückt in einen Salzblock, der wartet, bis ihn einer ausgräbt oder einen strahlungssicheren Platz für ein Endlager sucht. Ihr seid vielmehr schon ausgestreut in die Welt: Zeichen, daß Gottes Wort durch die einzelnen Menschen in die Welt hinein wirkt. Zerstreut, aber nicht diffus. Sein Geist bringt die Botschaft von der Rettung der Welt nach außen - und bringt das einzelne Salzkorn zusammen mit anderen zur Wirkung.

2. "Ihr seid das Salz der Erde."
So sagt es Jesus.
Nicht: Ihr sollt es sein.
Es ist gar nicht ins Belieben gestellt, ob Christen Salz sein wollen. Salz kann man nicht werden. Salz ist man. "Ihr seid Salz" beschreibt nicht, was andere an uns ablesen können, es sagt vielmehr zu, was wir von Jesus zugesprochen erhalten: Es ist die Botschaft, die die Welt erhält und ihr Hoffnung gibt.

Heute bekommt diese Hoffnung ein besonderes Gewicht, denn Christsein ist nicht selbstverständlich. Wir Christen geraten in eine Diaspora - Situation. Wir leben in der Zerstreuung. Da paßt das Bild von Salz der Erde gut: Wir sind ausgestreut. Genau auf diese Weise wirkt die Botschaft Jesu.

Auch wenn sich in einzelnen Gemeinden nur kleine Gruppen sammeln - auch wenn in einzelnen Gottesdiensten sich bisweilen nur wenige sammeln: Immer wird daran erinnert: Wir Menschen sind nicht bloß sinnlose Zellklumpen auf einem Staubkorn im All, sondern Gottes geliebte Söhne und Töchter. Diese Botschaft gilt jeder Frau und jedem Mann und jedem Kind. Sie gilt denen, die noch nicht geboren sind. Und sie gilt auch denen, die durch Krankheit oder Alter an der Schwelle des Todes angelangt sind. Die Würde des Menschen ist unabhängig von dem, was einer zahlen und zählen und leisten kann. Jedes Menschenleben hat Anspruch auf Schutz, wenn es auch noch so lästig scheint.

Die materialistische Gleichgültigkeit verbreitet sich immer weiter aus. Immer mehr gilt nur, was sich rechnet und was rentabel ist.

Gewalt bedroht das Leben von Menschen und Tieren. Die Lebensmöglichkeiten unserer Kinder und Enkel stehen auf dem Spiel.

Der Krieg um den Kosovo hat uns die zerstörerische Macht der Gewalt wieder vor Augen geführt. Fast eine Million Menschen wurden vertrieben, es wurde vergewaltigt und gemordet. Städte wurden verwüstet, Dörfer dem Erdboden gleichgemacht. Kosovo ist nur das jüngste Beispiel maßloser Gewalt; es steht in einer Reihe mit Afghanistan, Ruanda, Angola und dem Kongo. Diese Kriegsländer sind hinter all den Kosovo-Bildern ganz vergessen.

Und wir Christen - Salz der Erde - sind ratlos, welches der Weg ist, das Chaos zu bezwingen. Ihr klagt im Kyrie-Gebet über die ausgewogenen Stellungnahmen der Kirche, über ihre rücksichtsvollen Verlautbarungen. Wie schön wäre die Eindeutigkeit! Aber was ist eindeutig? Die Probleme sind ein Geflecht, ein kompliziertes, auch im Kosovo. Die Lösungen sind nicht einfach. Und macht ihr es euch nicht zu einfach! Die Kirche muß nicht Rücksicht nehmen, weil sie in Interessen eingeflochten wäre. Sie vermeidet nicht Parteinahme, um niemandem weh zu tun. Sie weiß nur, daß diese Kosovo-Welt nicht leicht zu heilen ist. Mit Waffen ist es schwer, ohne Waffen aber nicht leichter.

"Krieg darf nach Gottes Willen nicht sein". Das bekannte die Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1948 in Amsterdam. Heute, mehr als 50 Jahre später, sagen wir: Jede zerstörerische Gewalt darf nach Gottes Willen nicht sein. Wir berufen uns dabei auf den Schöpfungsauftrag Gottes, die Erde zu bebauen und zu bewahren. Sagt nicht: Mach's nicht so kompliziert? Denn einfacher geht's nicht. Und wir berufen uns auf Jesus von Nazareth, der Gottes Liebe zu jedem einzelnen gequälten Menschen darstellt. In der Bergpredigt hat er in geradezu provozierender Weise die Logik der Gewalt in Frage gestellt und die Friedensstifter selig gepriesen.

"Salz der Erde." Ihr sagt die Vergebung an! Nicht die Moralisten heilen die Welt, sondern der nur, der die Vergebung zusagt. Sie erst führt zu neuen Ufern. Sie erst lehrt Menschen zusammenzuleben, die sich seit Jahrhunderten Feinde sind. Die Botschaft Jesu muß uns durchwürzen, daß wir leben können in dieser noch nicht erlösten Welt.

3. Ihr seid das Salz der Erde
Salz ist Konservierungsmittel.
Zu Zeiten, als man das Neue Testament schrieb, gab es noch keine Kühlschränke und Gefriertruhen. Man brauchte Salz, um Lebensmittel haltbar zu machen. Die Botschaft von der Liebe und Barmherzigkeit Gottes, die uns zum Salz macht, erhält die Welt. Unsere Welt braucht Menschen, deren Herzen nicht in sozialer Kälte erstarren; Menschen, die sich nicht zur Gewalt hinreißen lassen, sondern Phantasie für den Frieden entwickeln, Menschen, die sich der Zerstörung der Schöpfung widersetzen.

Auch wenn die Welt nicht danach fragt, braucht sie die Botschaft. Sie ist bewährt. Sie drängt dazu, sich dem einzelnen Menschen zuzuwenden. Sie weist an die Mitmenschen. Ich behaupte, je weniger die Gesellschaft nach dieser Botschaft fragt, desto mehr braucht sie diese.

Christen und Christinnen sind Salz der Erde, damit sie nicht verfault. Sie setzen Zeichen gegen die überheblichen Phantasien der Macht und gegen die Todesdrohungen der Mächtigen.

In unserem Land gibt es immer mehr Menschen, die Not und Nichtigkeit spüren - inmitten der Fülle von Gütern und Waren. Sie merken, wie man vor dem Tod schon tot sein kann, wenn man nur für sich selber alles zu gewinnen meint in kurzen, oberflächlichen Glücksmomenten.

In diesen Tagen wird in Köln eine lange Menschenkette den Bereich umschließen, an dem die Führer der G8-Staaten über die Schuldenkrise der ärmsten Länder der Erde beraten. Da wird sinnfällig, was uns seit langem bewegt: Christen sind Fürsprecherinnen der Armen in der Welt. Sie setzen sich für einen umfassenden Schuldenerlaß ein. Der Rat der EKD und die Deutsche Bischofskonferenz haben dies in den vergangenen Monaten mit der gemeinsamen Erklärung mit verschiedenen Initiativen und Projekten und in zahlreichen Gesprächen auch getan. Gemeinden, Dekanate, Kirchenkreise, Landeskirchen sind Mitglieder der Erlaßjahr-Kampagne geworden. Auf allen Ebenen finden Bildungsveranstaltungen und andere Aktivitäten statt.

Gut, daß die Bundesregierung neue Vorschläge in die Debatte der G8 einbringt. Aber es sind noch schnellere und mutigere Schritte nötig, denn die Zeit drängt, die Völker verelenden.

Ich muß es noch mal betonen: Beim Schuldenerlaß geht es nicht um Schuldscheine-Zerreißen. Ohne Bedingungen wären die Schuldnerländer Fässer ohne Boden. Es dürfen auch keine Elite-Cliquen neue Waffen-Geschäfte machen und weiter Geld auf die Seite schaffen. Vor allem sollen mit Schuldenerlaß keine neuen Waffen-Geschäfte der Industriestaaten ermöglicht werden. Es ist schon bemerkenswert, wie unkontrolliert die Waffen um die Welt geliefert werden. Selbst Länder, die keinen Kredit mehr erhalten, um das Nötigste für ihre Menschen zu kaufen, erhalten auf Vorschuß, was zur Zerstörung von Lebensraum, zur Unterdrückung von demokratischer Erneuerung dient.

Christen sind Salz der Erde. Ihre Botschaft ist ungemütlich, aber sie ist unersetzlich! Laßt uns um starken Glauben bitten der Verantwortliche, und um Weisheit der Verantwortlichen, damit der Teufelskreis moderner Schuldknechtschaft durchbrochen wird.

Der Südafrikanische Erzbischof Ndungane schloß seine Rede auf der Lambeth Conference im Juli 1998 mit den Worten M. L. Kings: "I have a dream." Sein Traum ist, das nächste Jahrtausend mit einer wirklichen Jubelfeier zu beginnen, weil die untragbaren Schulden der ärmsten Länder erlassen werden. Dann wäre das dritte Jahrtausend wirklich ein neuer Beginn für die Dritte Welt. Laßt uns diesem Traum folgen!

Laßt uns aufbrechen, damit wir das ganze Leben entdecken. Laßt uns eintreten und teilhaben an der Bewegung Gottes gegen den Tod. Sie wurde angestoßen durch den, der uns zu Salz der Erde macht. Sie wird immer wieder in Gang gesetzt durch seinen lebendigen Geist. Denn er starb am Kreuz für die Verlorenen der Erde und erschien als der Sieger über Tod und Resignation.

Die Gemeinden der Christen und Christinnen sind Erinnerungsgemeinschaften. Sie halten diese Botschaft Jesu wach. Hier können viele einzelne einander stärken. Dann können sie unserer Welt, die an Geld und Rentabilität orientiert ist, Wert und Würde des Menschen einschärfen. Dann können sie Zeichen der Hoffnung sein, barmherzig, sanftmütig, hungrig nach Gerechtigkeit, friedenstiftend.
So seid ihr Salz der Erde!

Hannover, den 17. Juni 1999
Pressestelle der EKD



erweiterte Suche

 

Themenliste



Das könnte Sie auch interessieren...


EKD-Newsletter

Jetzt anmelden

Immer gut informiert mit dem Newsletter der EKD: kostenlos und schnell.