Kurzansprache anlässlich der Eröffnung der Online-Ausstellung „Widerstand!? Evangelische Christinnen und Christen im Nationalsozialismus“ in Magdeburg
Nikolaus Schneider
08. November 2011
Es gilt das gesprochene Wort.
Sehr geehrte Damen und Herren,
der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) freut sich außerordentlich, dass es am heutigen Tage möglich ist, der Öffentlichkeit die Internetausstellung „Widerstand!? Evangelische Christinnen und Christen im Nationalsozialismus“ zu präsentieren. Die Konzeptionierung, Erarbeitung und technische Umsetzung dieser Ausstellung hat in den vergangenen fünf Jahren gewiss sehr viel Zeit und einen Großteil der Arbeitskraft der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Kirchliche Zeitgeschichte in Anspruch genommen. Der Rat der EKD dankt Ihnen dafür sehr!
Als Sie, lieber Herr Oelke, im Frühjahr 2007 zum ersten Mal dem Rat der EKD Ihre Pläne vorstellten, war noch von einer „Wanderausstellung“ die Rede. Erstaunlicherweise erwies sich der Gedanke, eine Online-Ausstellung zu konzipieren, im Vergleich zum ursprünglich geplanten Vorhaben sowohl als deutlich innovativer als auch unter finanziellen Gesichtspunkten als günstiger. Im Gegensatz zu einer jeweils nur an einem einzigen Ort erlebbaren Wanderausstellung ist eine Online-Ausstellung prinzipiell an jedem Ort und zu jedem beliebigen Zeitpunkt besuchbar, wenn man über einen Internetanschluss verfügt. Wir hoffen daher, dass die Online-Ausstellung zum Thema des christlich motivierten Widerstands im Nationalsozialismus eine sehr breite Rezeption erfahren wird, die weit über die Grenzen der evangelischen Kirche hinausgehen und auch im internationalen Zusammenhang bedeutsam werden wird. Eine solche Ausstellung kann neben dem kirchlichen Bildungssektor auch im Bereich der säkularen, staatlichen Bildung, also etwa in Schulen oder in Einrichtungen der Erwachsenenbildung, und natürlich auch für viele einzelne, private Nutzer von großem Interesse sein.
Als EKD liegt uns vor allem daran, die evangelischen Christinnen und Christen selbst zu würdigen, die in der Zeit des Nationalsozialismus im Widerstand tätig waren. Dabei soll es gerade nicht nur um die Galionsfiguren wie Dietrich Bonhoeffer oder Martin Niemöller gehen. Auch andere Personen, unbekanntere, bisher noch kaum beachtete, nicht zuletzt auch Frauen wie etwa Elisabeth Schmitz bedürfen der angemessenen Würdigung. Die Chance einer solchen Ausstellung besteht darin, dass sie das bisher Verborgene der Verborgenheit entreißen kann, dass sie das bisher noch Dunkle zu beleuchten vermag, und dass sie unseren Wahrnehmungshorizont beständig und nachhaltig erweitern kann.
Neben der EKD sind auch einige Landeskirchen mit erheblichen finanziellen Mitteln an dieser Ausstellung beteiligt. Auch dafür bedanken wir uns. Jederzeit soll es künftig auch möglich sein, diese Ausstellung zu ergänzen. Auch weitere Landeskirchen sind daher herzlich eingeladen, sich zu beteiligen und einen geeigneten Ausbau und eine sinnvolle Fortführung des Projekts zu ermöglichen. Eine ökumenische Erweiterung oder mindestens ein Link zu unseren Schwesterkirchen ist ganz problemlos möglich. Denn Widerstand und widerständige Personen gab es ja Gott sei Dank in allen christlichen Kirchen - so wie es auch dort die anderen gab, die schwiegen oder wegsahen oder gar wie die Deutschen Christen den Nationalsozialismus begrüßten … Darin liegt jedenfalls die ganz große Chance dieser Art von Ausstellung: Man kann jederzeit neue Räume errichten und einrichten. Für alle, die ihren Platz im Widerstand hatten, ist in der Ausstellung Platz. Die Ausstellung ist offen und erweiterbar; sie ist damit in jeder Hinsicht wegweisend und zukunftsfähig.
Erlauben Sie mir noch eine Bemerkung zum Datum der heutigen Ausstellungseröffnung: Natürlich schien es uns sehr passend, dieses Ereignis im Rahmen oder Umfeld unserer Synodaltagung zu begehen. Aber wichtiger noch war in diesem Fall der Bezug zu einem, wenn auch mehrdeutigen und vielschichtigen Ur-Datum der deutschen Geschichte: Der 9. November 1918 war der Tag, an dem Scheidemann die Weimarer Republik ausrief, der 9. November ist aber auch der Tag des Hitlerputsches 1923. Er verweist auf die Reichspogromnacht 1938 und den Fall der Berliner Mauer 1989. Immer hatte dieser Tag daher mit Wohl und Wehe, mit Sein oder Nichtsein der deutschen Nation zu tun. Immer stand er in Verbindung mit der Frage von Frieden oder Krieg, Widerstand und Ergebung. Und stets hatte er symbolische Bedeutung und weist daher über sich selbst hinaus in die offene Zukunft. Es ist deshalb mehr als angemessen, wenn wir unsere Online-Ausstellung über den evangelischen Widerstand zur Zeit des Nationalsozialismus am Vortag dieses historischen Datums und mit klarem Bezug auf diesen Schicksalstag der Deutschen eröffnen.
Abschließend darf ich Ihnen, lieber Herr Oelke, sowie allen Mitgliedern der Kommission der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Kirchliche Zeitgeschichte sowie allen Mitarbeitenden der Forschungsstelle in München noch einmal für Ihr außerordentliches Engagement in diesem für die EKD so wichtigen Projekt sehr herzlich danken. Sie haben mit Ihrer Leistung Maßstäbe gesetzt. Sie haben sich um unsere Kirche verdient gemacht. Dafür gebührt Ihnen allen unser Dank und hoher Respekt. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!
