Predigt im Rahmen der Auftaktveranstaltungen zum Konsultationsprozeß "Protestantismus und Kultur" am Palmsonntag in der Sophienkirche zu Berlin
Wolfgang Huber
28. März 1999
1. "Protestantismus und Kultur" - so heißt das Thema, dem die Evangelische Kirche in Deutschland zusammen mit der Vereinigung Evangelischer Freikirchen einen Prozeß der Diskußion und der Klärung widmen will. Ein lange vernachläßigtes Thema soll ins Licht gerückt werden. Der christliche Glaube macht Gebrauch von kulturellen Gestaltungsformen; jedes Kirchengebäude und jeder Gottesdienst bringt das zum Ausdruck. Der Glaube verbindet sich jeweils mit der Kultur seiner Zeit; und er wirkt auf sie prägend ein. In diesen Zusammenhang rückt auch der Gottesdienst, zu dem wir heute hier in Sophien zusammen sind.
Leicht fällt es uns nicht, an diesem Tag von Kultur zu sprechen - nach einer Woche, in der alle Bemühungen um eine Kultur des Friedens gescheitert sind und die Gewalt der Waffen die Herrschaft übernommen hat. Im Blick auf das Kosovo sehen wir in diesen Tagen, wie gefährdet Kultur in jedem denkbaren Sinn ist - denn sie ist als allererstes darauf angewiesen, daß die Waffen schweigen, daß Menschen einander mit Achtung begegnen und im Frieden miteinander leben wollen. So muß auch in unserer Überlegung am Anfang der Wunsch und die Bitte stehen, auch im Kosovo möge es wieder zu Verhältnissen kommen, die den Namen der Kultur verdienen. Daß Frieden herrscht und die Waffen schweigen, ist die Bedingung jeglicher Kultur.
2. Wir feiern diesen Gottesdienst am Palmsonntag, am Beginn der Karwoche, die im kirchlichen Kalender auch als "Stille Woche" bezeichnet wird. Das ist für den, der sich darauf einläßt, eine Woche besonderer Art: Der Rhythmus von Werktag und Sonntag wird auf eigentümliche Weise durchbrochen. Tage von besonderem Ernst schieben sich in diese Woche hinein.
Jesu Einzug nach Jerusalem als ein König von ungewöhnlicher Art macht den Anfang. Der Prozeß Jesu, ein Justizverfahren eigener Art, bestimmt diese Tage. Der Gründonnerstag, der Tag des Abschiedsmahls, mit dem Jesus sich von seinen Jüngern trennt und doch bei ihnen bleibt, der Karfreitag mit der ergreifenden Todesstunde Jesu und dann der stillste aller Tage, der stille Sonnabend, dem die Alten den Abstieg Jesu in die Totenwelt zugeordnet haben, bevor das Licht des Ostersonntags hereinbricht - diese Abfolge gibt den Tagen, die vor uns liegen, ihre Bedeutung. Tage sind das, die in unvergleichlicher Weise auch die kulturelle Gestalt des christlichen Glaubens geprägt haben. In vielfacher Form ist künstlerisch gestaltet worden, was wir begehen: in den großen musikalischen Passionen ebenso wie in Werken der bildenden Kunst. "Seht, welch ein Mensch", sagt Pilatus von dem, den er selbst hatte geißeln und verspotten laßen.
Wer sich auf diese Prägung der Tage einläßt, die vor uns liegen, macht eine Erfahrung besonderer Art. Etwas Ungewohntes drängt sich in den vertrauten Wechsel von Werktagen und Wochenenden. Etwas Außerordentliches tritt da in unser Leben hinein. Dieses Außergewöhnliche findet in der biblischen Erzählung der Paßionsgeschichte auf vielfältige Weise Ausdruck. Eines der Geschehnisse, die der Verhaftung und Hinrichtung Jesu vorausgehen, bildet den Predigttext für den heutigen Sonntag. Die Erzählung handelt von einer Frau und von der Art, in der sie auf das Ungewöhnliche dieser Tage reagiert.
" Als er in Bethanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Glas mit unverfälschtem und kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Glas und goß es über sein Haupt. Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an.
Jesus aber sprach: Laßt sie in Frieden! Was betrübt ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im voraus gesalbt für mein Begräbnis. Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat." (Markus 14,3-9)
Jesus mag den Tag über in Jerusalem gewesen sein, schon all den Anfeindungen ausgesetzt, die schließlich auf seinen Tod hinführen sollten. Aber am Abend kann er sich ausruhen, bei einem Außätzigen zu Gast, den die anderen meiden, umgeben von seinen Jüngern, die - an diesem Abend jedenfalls - nicht von seiner Seite weichen. Mit der Frau, die plötzlich den Raum betritt, hat niemand gerechnet. Kein Name wird genannt, obwohl das, was sie tat, zu ihrem Gedächtnis überall erzählt werden soll, wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt. Kein Wort wird uns überliefert von dieser Frau, weil ihre Tat für sich selbst spricht.
Sie hat ein Alabasterfläschchen mit kostbarem Nardenöl dabei. Sie zerbricht es und salbt damit Jesu Haupt. "Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkst mir voll ein." So beschreibt der 23. Psalm die bergende Güte Gottes. In den Dienst dieser Güte tritt die Frau, die so überschwenglich gibt. Was ein Arbeiter in einem ganzen Jahr verdienen kann, das schüttet sie in einem Augenblick über Jesu Haupt und salbt ihn. An die Salbung des Königs kann man denken und findet in dem, was die Frau tut, ein Gegenbild zu der spöttischen Drapierung des Königs der Juden mit einem Purpurmantel und mit einer Dornenkrone. Aber auch an die Salbung des Gestorbenen, der zur Bestattung vorbereitet wird, kann man denken; dann sieht man in der überschwenglichen Großzügigkeit doch zugleich eine Vorankündigung des schmachvollen Todes.
Doch die Frau erläutert ihr Tun nicht. So bleibt diese großzügige Tat in der Zweideutigkeit. Manche der Anwesenden deuten sie auch sofort als bloße Verschwendung. Hätte man das Salböl verkauft anstatt es so zu vergeuden, hätte man von dem Ertrag viele Arme, viele Obdachlose aufnehmen und versorgen können. Wer Jesus kennt, wer seine Zuwendung zu den Armen erlebt hat, kann nicht zweifeln, wie er reagieren wird. Er wird das bestätigen. Wer die Armen seligpreist, kann an der Verschwendung keine Freude haben.
Doch das Gegenteil geschieht. Die Protestierer erhalten von Jesus keinen Sukkurs. Schützend stellt er sich vor die Frau. Er spricht aus, was sie vielleicht selbst gar nicht gesagt hätte. Sie hat wahrgenommen, daß Jesu Stunde geschlagen hat. Und sie hat auf das Außergewöhnliche auch außergewöhnlich reagiert. Fürsorge für die Armen ist und bleibt wichtig. Aber daß Gottes Sohn den Weg ans Kreuz auf sich nimmt, verlangt auch noch eine andere Antwort als die Fürsorge für die Armen. Wenn Jesus sich seines Lebens entäußert, ist es richtig, daß diese Frau verschwenderisch das Kostbarste gibt, was sie hat: eine Alabasterflasche mit Nardenöl. Wenn die Soldaten ihn als Scheinkönig verspotten werden, ist es richtig, daß diese Frau ihn wirklich als König salbt. Wenn er den schmählichen Tod am Galgen der damaligen Zeit auf sich nimmt, ist es richtig, daß sie ihn schon jetzt so salbt, wie man Tote für ihre Beisetzung vorbereitet. Die Verschwendung, die sie übt, widerspricht nicht der Fürsorge für die Armen, sondern sie steht einfach auf einem andern Blatt. Der verschwenderische Aufwand, den die namenlose Frau treibt, steht zu der Fürsorge für die Armen nicht im Widerspruch. Jedes hat seine Zeit. Auch Jesu eigene Zuwendung zu den Armen gerät dadurch nicht ins Zwielicht. Gerade dem, der sich ganz nach unten wendet, ist es doch verheißen: "Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein."
3. Menschlichkeit hat es nicht nur mit Askese zu tun, sondern auch mit der Bereitschaft zu verschwenden. Dazu braucht man uns Heutige freilich gar nicht erst aufzufordern. Wir tun das ohnehin, wenn auch an der falschen Stelle. Wir verschwenden Energie, Wasser, Rohstoffe, Lebensmittel oder Geld und tun das ohne Maß. Aber um eine solche Art von Verschwendung geht es nicht. Es geht um eine andere Art der Verschwendung, die nicht Ausdruck der Selbstsucht, sondern der Liebe ist, die sich nicht der Gedankenlosigkeit verdankt, sondern dem Eingedenken. Diese Verschwendung wurzelt nicht in der Sucht nach Erlebnisgewinn, sondern in einer Selbsthingabe, die alles Berechnen hinter sich läßt. Da wird nicht nur Materielles verschwendet, sondern da geht ein Mensch mit sich selbst verschwenderisch um.
Der Einwand ist uns vertraut, zu deßen Anwalt sich die Jünger machen. Wozu nützt das, wozu soll das gut sein? Paul Tillich hat in dieser Frage die Gefahr einer "religiösen und moralischen Nützlichkeitstheorie" gesehen, "die immer nach dem vernünftigen Zweck fragt". "Hat der Protestantismus - so hat er hinzugefügt - nicht etwas Wesentliches verloren, als er die sich verschwendende Selbsthingabe der Mystiker und Heiligen einbüßte? ... Es gibt keine Schöpferkraft, keine göttliche und keine menschliche, ohne die heilige Verschwendung, die aus dem schöpferischen Überfluß eines Herzens strömt und nicht fragt: Wozu ist das nützlich?
Jesus, der Messias, der Gesalbte mußte sich selbst hingeben und verschwenden, um für uns und für alle Welt zum Retter zu werden. Ein Denken und Handeln, das nur noch an Kategorien der Nützlichkeit und des individuellen Vorteils orientiert ist, verdrängt das, was da geschehen ist - uns allen zum Heil. Wer die verschwenderische Liebe Gottes, die uns in dieser Selbstverschwendung Jesu entgegentritt, wahrnimmt, wird sich niemals auf das beschränken, was nützlich oder in der Fürsorge für die Notleidenden geboten ist. Er wird weitergehen.
Um dieses Weitergehens willen gibt es Kultur. In ihr geht es ohne Verschwendung nicht ab. Auch in Zeiten, in denen gerechnet werden muß - übrigens auch in der Kirche - , dürfen wir diesem Rechnen nicht die Herrschaft zuerkennen über alles, was wir tun. Auch in ihren ärmsten Zeiten haben christliche Gemeinden es geschafft, ihrem Glauben auch künstlerischen Ausdruck zu geben. Zu aller Zeit ist Kunst Verschwendung; gerade darin ist sie lebensnotwendig.
Aus demselben Grund brauchen wir einen Tag in der Woche, jedenfalls einen Tag, der dem Berechnen abhold ist, der das Berechnen verschwenderisch unterbricht und uns so immer wieder neu den Zugang zur Freiheit eröffnet. Um der Freiheit willen brauchen wir nicht nur individuelle freie Zeit; wir brauchen eine Zeit der kollektiven Arbeitsunterbrechung. Miteinander müßen wir ausbrechen aus dem Gehäuse von Arbeit und Konsum, von Kaufen und Verkaufen, von Zahlen und Verdienen. In diesem Sinn gehört die Kultur des Sonntags zu einer Kultur der Freiheit unaufgebbar hinzu. Und deshalb ist es nicht eine Einschränkung der Freiheit, sondern steht in ihrem Dienst, wenn wir den Sonntag bewahren und ihn nicht auch noch dem Diktat umfaßender wirtschaftlicher Verwertung ausliefern. Die kollektive Unterbrechung des Arbeitszwangs steht am Anfang aller Kultur. Wir sollten nicht diese Einsicht, in Jahrtausenden gewachsen und bewahrt, innerhalb einer Generation verspielen. Sechs Tage in der Woche bieten genügend Spielraum, um die Ladenöffnungszeiten flexibler zu gestalten; man braucht dazu nicht auch noch den Sonntag dem Diktat von Kaufen und Verkaufen zu unterwerfen.
4. "Protestantismus und Kultur" - dieses Thema hat nicht nur harmlos-idyllische Seiten. Es provoziert auch Streit - so wie auch das wortlose Verschwenden Streit provozierte, mit dem jene Frau ein Zeichen setzte: ein Zeichen selbstloser Verschwendung angesichts des Todes, ein Zeichen großzügiger Menschlichkeit im Angesicht der Gewalt. Es ist richtig, daß man auch an sie denkt - "wo immer das Evangelium gepredigt wird in aller Welt".
Amen
