Eröffnungspredigt in der Pauluskirche zu Stuttgart
Rolf Koppe
16. Juni 1999
Ihr seid das Salz der Erde.
Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen?
Es ist zu nichts mehr nütze, als daß man es wegschüttet
und läßt es von den Leuten zertreten.
Matthäus 5,13
Liebe Kirchentagsgemeinde, liebe Schwestern und Brüder!
Wir sind schon etwas. Wir sollen nicht erst etwas werden. Kein Appell, sondern eine Feststellung erreicht uns: "Ihr seid das Salz der Erde." Christen und Christinnen sind die Prise Salz in der Welt, die Gott schmecken läßt. Im doppelten Sinne des Wortes: als Spurenelemente dafür, daß Gott diese Welt liebt und als Würze dafür, daß wir Menschen uns gegenseitig nicht fad finden. Wir gewinnen dem Leben Geschmack ab und geben ihm Geschmack.
In seiner Auslegung der Bergpredigt sagt der Papst der Kopten in Ägypten, Shenuda III: "Weise Führer geben den Menschen nichts Geistiges, das ihr Vermögen überfordert, damit sie keiner Täuschung unterliegen. Aber sie geben ihnen nicht weniger als sie vertragen, damit sie nicht lau werden". Deshalb kommt er zu dem Schluß: "Salz wirkt mit Weisheit: nicht mehr als notwendig, aber auch nicht weniger". Ein vorsichtiges Wort in einer Situation, die Leiden und Verfolgung kennt, das aber tief verankert ist in der Freude des Glaubens und im Trost des Evangeliums - eine Widerspiegelung der Erfahrungen, die die ersten christlichen Gemeinden gemacht haben, an die das Wort von Salz im Matthäusevangelium ursprünglich gerichtet ist.
Können wir davon etwas lernen in einem christlich lau gewordenen Europa, das sich aber nicht abfinden will mit der Vertreibung von Menschen und der Verletzung ihrer Rechte? Nach 12 Wochen äußersten Angespanntseins zwischen Krieg und Frieden, zwischen Beten, Reden und Handeln?
Es gibt wohl niemanden unter uns, der nicht zutiefst mitgelitten hat angesichts der Bilder von Flüchtlingen einerseits und von Bombardierungen andererseits. Wir danken Gott von Herzen, daß die Schrecklichkeiten ein Ende gefunden haben, auch wenn der Prozeß, Frieden zu stiften, erst begonnen hat.
Es gibt aber auch wohl niemanden unter uns, der sich nicht die Frage gestellt hat, ob die Christen und Kirchen im Osten und im Westen nicht eine aktivere Rolle hätten spielen können. War das Salz stumpf geworden zwischen Belgrad und Genf, Washington und Moskau, London, Paris und Bonn? Ist es in größeren Klumpen im ökumenischen Salzstreuer steckengeblieben? Ja, es gab Streit über die richtigen Schritte auf dem Weg zum Frieden. "Kein Krieg um Gottes Willen", aber auch keine Vertreibungen - um Gottes willen. Wer handelt, wird schuldig, wer nicht handelt ebenfalls. Weitermachen, weitermachen! Aufhören, aufhören! Das ethische Dilemma hat Kopf und Herz zerrissen in den Kirchenleitungen, bei den Gruppen, die Friedensgebete gehalten und demonstriert haben, von Einzelnen, die sich ohnmächtig fühlten. Aber wollte man Politikern und Soldaten, zumal wenn sie sich als Christen verstehen, absprechen, nach bestem Wissen und Gewissen zu reden und zu handeln? Auch wenn es ein Irrtum war anzunehmen, daß nach drei oder fünf Tagen Bombardement der verblendete Diktator einlenkt und die Flüchtlingsströme aufhören?
War es falsch, daß Christen aus Rußland, den USA, Deutschland und England am 27. Mai Milosevic besucht haben, den Kriegstreiber, den Geächteten? Ich habe die Initiative, die vom Leiter des Kirchlichen Außenamtes der Russischen Orthodoxen Kirche, Metropolit Kyrill, ausging, am 5. Mai bei einem Treffen in Moskau kräftig unterstützt. Mußte nicht alles versucht werden, um einen Ausweg zu finden? Und war die Zusage, die serbischen Truppen abzuziehen, nicht der Beginn der Wende in den darauffolgenden Tagen? Gott allein weiß, was schließlich den Ausschlag gegeben hat zur Einwilligung in die Pläne der G-8-Staaten und schließlich der Vereinten Nationen. Aber waren Metropolit Kyrill, der Generalsekretär der Konferenz Europäischer Kirchen, Keith Clements, Bischof Leonid Kishkovsky von der Orthodoxen Kirche in den USA und der Präsident unseres Diakonischen Werkes, Jürgen Gohde, nicht Salz im Sinne Jesu, das auch dann, wenn die Mission gescheitert wäre, Spuren hinterlassen hätte?
So wie Metropolit Artemije aus dem Kosovo in Erinnerung bleibt, der vor Ausbruch des Krieges bei den Verhandlungen in Rambouillet vergeblich bei der jugoslawischen Regierungsdelegation für einen Friedensplan geworben hatte. Oder Erzbischof Athanasios von Tirana, der ohne Ansehen der Herkunft und der Person, mehr als 1500 Flüchtlingen Schutz gewährt hat. Als ich ihn Pfingsten besuchte, sagte er nur: "Ich möchte keine langen Erklärungen abgeben, sondern so handeln wie es für einen Christen selbstverständlich ist".
Nein, es gibt keinen unüberbrückbaren Graben zwischen Christen im Westen und im Osten Europas, eher das gemeinsame Erschrecken über den ungeheuren Ausbruch von Haß und Gewalt und darüber, daß wir nicht immer gemeinsam als Salz der Erde gewirkt, sondern zeitweise als Schmieröl entweder der östlichen oder der westlichen Seite gegolten haben.
Nein, liebe Brüder und Schwestern, das darf sich nicht wiederholen - um Christi willen. Wie soll die Welt Gott schmecken, wenn wir nicht mehr ihr Salz sind? Woher soll die Würze kommen, daß wir Menschen uns nicht gegenseitig fad finden, sondern uns als von Gott geliebte Kinder über ethnische, nationale und religiöse Grenzen hinweg achten? Reicht es aus, im Grundgesetz die Würde des Menschen zu verankern und in der Charta der Vereinten Nationen die Rechte des Einzelnen zu beschreiben, wenn es keine Quellen dafür gibt, die die Buchstaben mit Geist füllen? Was nützen die militärischen Strategien, wenn die Menschen nicht zusammenleben wollen? Eine riesige Aufgabe liegt vor uns: die Versöhnung derer, die sich hassen, der Wiederaufbau der zerstörten Seelen, nicht nur der Häuser, das Säen von Hoffnung gegen die Resignation, die Aufrichtung des Rechts und der Gerechtigkeit gegen Willkür und Rache, eine neue Ordnung des Zusammenlebens in Europa.
Ja, wir sind schon etwas. Wir sollten nicht erst etwas werden. Wir Christen und Kirchen arbeiten in Mazedonien, Albanien, in Serbien und im Kosovo zusammen für den Frieden. In den Klöstern rund im Pristina sollen auch albanische Flüchtlinge eine Bleibe finden und Werkstätten aufgebaut werden, in Kragujevac und in Novi Sad diakonische Einrichtungen. Der Lutherische Weltbund will sich an der Rückführung der Flüchtlinge beteiligen. Er hat große Erfahrungen gewonnen in Mozambique, in Namibia und in vielen Teilen der Welt. In Rumänien und in Ungarn gibt es seit vielen Jahren "Action Churches Together" - ein ökumenisches Hilfswerk der im Weltrat der Kirchen gebündelten Kräfte, nicht zuletzt von Brot für die Welt und dem Kirchlichen Entwicklungsdienst unterstützt.
Der Ruf aus Stuttgart lautet heute abend: Wir helfen mit, wir stehen zusammen in der Ökumene, wir sind gemeinsam das Salz der Erde - um Christi willen. Und der Frieden Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen
